Jahrestreffen in Villingen-Schwenningen

Am 24. September 2016 fand das 11. ICA-Jahrestreffen in Villingen-Schwennigen statt. Es  trafen sich Patienten, Ärzte und Interessierte, um Vorträge von Frau Prof. Dr. Schultz-Lampel, Direktorin des Kontinenzzentrums Südwest am Schwarzwald-Baar Klinikum, und PD Dr. Vahlensieck, Chefarzt der Fachklinik Urologie an der Kurpark-Klinik in Bad Nauheim, zu hören und Fragen zu diesen zu stellen. Frau Prof. Dr. Schultz-Lampel berichtete von dem Krankheitsbild der Interstitiellen Zystitis sowie Therapieempfehlungen, PD Dr. Vahlensieck referierte über die multimodale Therapie während einer Rehabilitation. Die Vorträge werden gekürzt wiedergegeben.

Begrüßung durch Bärbel Mündner-Hensen

Bärbel Mündner-Hensen, Bundesvorsitzende und Gründungsmitglied des ICA-Deutschland e.V., begrüßte zu Beginn die Teilnehmer des Jahrestreffens mit nationalen und internationalen Gästen. Sie bedankte sich bei Frau Prof. Dr. Schultz-Lampel und dem Team des Kontinenzzentrums für die Einladung und die Unterstützung bei der Organisation der Veranstaltung, sowie bei Herrn PD  Dr. Vahlensieck und allen Fördermitgliedern, die den ICA seit vielen Jahren unterstützen. Außerdem wies sie auf die neue Webseite des ICA-Deutschlands (www.ica-ev.de) hin und präsentierte Verbesserungen und Erneuerungen der Webseite.

1.    Vortrag: Frau Prof. Dr. med. Daniela Schultz-Lampel

Symptombild der Interstitiellen Zystitis und Abgrenzung zu verwechselbaren Erkrankungen

Die Zahl der Patienten (15-20%), welche über ständigen Harndrang, häufiges, nächtliches Wasserlassen oder Schmerzen im Blasenbereich berichten nimmt in den vergangenen Jahren stetig zu. Die Patienten haben im Vorfeld häufig viele Arztbesuche verschiedener Disziplinen, bevor sie im Kontinenzzentrum Südwest vorstellig werden. Dabei ist die Interstitielle Zystitis (IC) durch Ausschluss Diagnose zu diagnostizieren (Anamnese-Gespräche, Schmerzprotokolle, Urinuntersuchungen, Ultraschall, Blasenspiegelung, Blasendehnung in Narkose (Hydrodistension) oder Gewebeproben (Biopsie)), d.h. es sollten schwerwiegende Erkrankungen ausgeschlossen werden. Bei vielen der vorstelligen Patienten handelt es sich um eine Blasenfunktionsstörung oder bei Betroffenen ist bei genauer  Untersuchung die Lokalisation des Schmerzes auf andere Bereiche zurückzuführen. Bei Lokalisation des Schmerzes in der Blase kann es sich um eine IC handeln, welche ein eigenständige Erkrankung darstellt. Bei einer IC wird häufig beobachtet, dass die Glykosaminglykanschicht der Blasenschleimhaut beschädigt ist und dadurch reizende und toxische Bestandteile des Urins in tiefere Blasenschichten vordringen können, was zu einer Entzündung des Organs führt. Dies kann in einem Schmerzkreislauf resultieren, da die ständige Reizung zu einer Überaktivität von Nerven führen kann und in einem chronischen Krankheitsverlauf resultieren kann. Die IC kann somit zu einer diffusen Störung zentraler, autonomer und sensorischer Prozesse führen. Bei vorstelligen  jungen Frauen sollte eine Infektion mit Chlamydien, Ureaplasmen usw. ausgeschlossen werden, da auch diese ähnliche Symptome verursachen können. Dies ist auch der Fall für Patienten, welche eine Hormontherapie gegen Brustkrebs erhalten haben. Auch nächtliches Zähneknirschen kann ein Grund für ähnliche Symptome darstellen. Das Krankheitsbild der IC ist nach wie vor in der Öffentlichkeit wenig bekannt und wenige Ärzte sind gut mit dem Krankheitsbild vertraut, da es sich um eine seltene Erkrankung handelt.

Ist die Diagnose IC sichergestellt, ist zu beachten, dass viele Patienten Begleiterkrankungen wie, Müdigkeitssyndrom (CFS), Fibromyalgie, Reizdarmsyndrom, Angstzustände oder Depressionen etc. zeigen. Es ist wichtig auch diese Begleiterkrankungen zu behandeln. Die Einschränkungen die mit dieser Erkrankung einhergehen sind meist sehr belastend und schränken die Lebensqualität der Betroffenen ein. Es sollte somit auch ein Augenmerk auf eine Verbesserung der Lebensqualität gelegt werden.

Therapie

Nach der Diagnose ist es von Vorteil eine multimodale Stufentherapie durchzuführen, bei welcher mit wenig invasiven Verfahren begonnen wird und die Wirksamkeit stetig überprüft wird, bis eine Besserung der Symptome eintritt. Dies ist vom Schweregrad der Erkrankung und der Erkrankungsdauer abhängig. Für eine erfolgreiche Therapie ist eine genaue Anamnese unverzichtbar, um die Symptomatik am besten zu kontrollieren. Blaseninstillationen zeigen dabei eine effektivere Wirksamkeit gegenüber oralen Medikationen. Die Wirksamkeit der verschiedenen zur Verfügung stehenden intravesikalen Medikamente ist dabei individuell von der betroffenen Person und dem Krankheitsverlauf abhängig. Die Instillation dient einem Aufbau der Glykosaminoglykanschicht der Blase.

Weitere Therapiemöglichkeiten:

  • Allgemeinmaßnahmen: z.B. Diät, Physiotherapie
  • Orale Medikation
  • EMDA® (Blaseninstillation mit Elektrophorese)
  • Alternative Behandlungsverfahren
  • Botolinumtoxin-Injektion
  • Ausschälung von Ulzera
  • Operative Therapie (Neuromodulation, Zystektomie)

Mit guter Diagnostik werden unnötige Therapieschritte umgangen und gezielter behandelt. Nach einer Diagnose bietet eine Rehabilitation einen möglichen Behandlungserfolg.

2.    Vortrag von PD Dr. Winfried Vahlensieck

PD Dr. Vahlensieck setzt sich vor allem mit der Frage auseinander, wie der Genesungsprozess bei IC verbessert werden kann und welche Möglichkeiten eine stationäre Rehabilitation bieten kann.

Behandlungsziele in der Reha

Das charakteristische der Rehabilitation ist eine multimodale Therapie. Das bedeutet, dass verschiedene Maßnahmen während eines Aufenthaltes durchgeführt, bewertet und kombiniert werden. Eine ausführliche Anamnese stellt dabei den Grundpfeiler einer erfolgreichen Therapie dar. Ziel ist es einen individuellen Therapieplan zu erstellen, um die verschiedenen Facetten der Erkrankung zu erfassen und zu analysieren. Basierend auf diesen Daten lassen sich Ziele der Therapie ableiten und verwirklichen. Die Symptomatik des Schmerzes sollte verringert werden und gleichzeitig sollte eine Erhöhung der Blasenkapazität erreicht werden. Die gegebenenfalls vorhandenen Begleiterkrankungen sollten ebenfalls analysiert und wenn möglich mit behandelt werden.

Die psychische Belastung der Patienten ist dabei vom Charakter des Betroffenen abhängig und sollte je nach Ausprägung mit in den Therapiezielen definiert werden. Da eine Heilung der IC nicht häufig zu erzielen ist, ist es wichtig die Lebensqualität zu verbessern und den Umgang mit Krankheitsschüben zu erlernen.

Therapie

In der Rehabilitation werden verschiedene Behandlungsmöglichkeiten kombiniert, dabei werden herkömmliche Therapien und unkonventionellere Ansätze angeboten. Ein IC-Therapieplan besteht aus einem angepassten Grundprogramm und individuellen Maßnahmen.  Ansatzpunkte der stationären Rehabilitation bei IC sind Schmerzverringerung, Veränderung der Schmerzwahrnehmung, Änderung zentraler neuronaler Erregungsmuster, Verringerung von Muskelatrophie und Muskelhartspann, verbesserte Durchblutung, Diätberatung und Neutralisierung ursächlicher Faktoren. So wird es Patienten ermöglicht aus dem Teufelskreis von Schmerzen, Zwangshaltung, schlechter Durchblutung und daraus resultierenden Stoffwechselvorgängen herausfinden.

Schmerz und Schmerztherapie

Schmerztherapie in der Reha

  • Analgetika (Schmerzmittel)
  • diadynamischer Strom (Niedrigfrequenz)
  • Beckenbodentraining
  • Biofeedback
  • Wärmepackungen Unterbauch
  • Massagen
  • entspannende Wannenbäder
  • Trigger Punkt Massagen
  • Muskelrelaxaxion nach Jakobsen

Charakteristisch bei chronischen Schmerzen ist, dass der Schmerz seine Warnfunktion verloren hat. Häufig ist der Schmerz bei IC-Patienten auf einer subjektiven Skala im unerträglichen Bereich und Schmerztherapie in der Reha wird quälender als ständiger Harndrang empfunden. Die Schmerztherapie ist erstattungsfähig durch die Krankenkasse. Grundsätzlich kann zwischen zwei Arten von Schmerzen unterschieden werden. Der Schmerz, der vom Organ ausgeht und der neuropathischer Schmerz, bei dem die Nerven selbst betroffen sind. Studien zeigen, dass die beiden Arten des Schmerzes in etwa gleich oft vor zu finden sind. Die Behandlung des Schmerzes ist im Folgenden von der Klassifikation abhängig und erfolgt nach dem WHO-Stufenschema.

Heparin-Instillation

In Bad Nauheim werden IC-Patienten mit einer Mischung aus Lidocain und Heparin behandelt.

EMDA

Bei der EMDA-Therapie werden mit Hilfe eines elektrischen Feldes schmerzfrei über einen in die Harnblase eingelegten „Spezial“-Katheter Medikamente gezielt in tiefere Gewebeschichten der Harnblase instilliert.

Ernährung als Schmerzauslöser

Es ist ein Phänomen, dass Ernährung eine so unterschiedliche Rolle bei IC Patienten spielt. Manche Patienten zeigen keine Krankheitsschübe durch den Konsum von Nahrungsmittel, während andere Patienten genau definieren können, welche Lebensmittel die Symptome bei ihnen auslösen (Ernährungsratgeber des ICA).

Arbeiten und Schwerbehinderung mit IC

Bei einer Schrumpfblase (unter 100 ml Blasenkapazität) können Patienten einen Schwerbehindertenausweis mit mindestens 50 % Schwerbehinderung beantragen. Grundsätzlich sind Patienten noch arbeitsfähig, wenn die Umstände der Arbeit es zulassen, also beispielsweise eine Toilette in der Nähe und der Schmerz erträglich ist.

Wie stellt man einen Reha-Antrag?

Stellt der Patient einen Reha-Antrag, wenn dieser noch berufstätig ist, ist die Rentenversicherung zuständig. Ist der Patient Rentner, ist die Krankenkasse zuständig.

Den Antrag sollte der Hausarzt oder der Urologe stellen. Es sollte erwähnt werden, dass der Patient viele ambulante Verfahren ausprobiert hat, ohne dass eine nennenswerte Verbesserung eingetreten ist. Außerdem sollte angemerkt werden, dass die Beschwerden sehr stark lebensbeeinträchtigend sind.

Nach § 9.1 können Patienten die Reha-Klinik selbst wählen. Da aktuell nur die Kurklinik Bad Nauheim auf IC spezialisiert ist, ist diese eine der Kliniken der Wahl bei IC-Beschwerden.

 

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über uns

Der Verein "ICA-Deutschland e. V." - gemeinnützige Gesellschaft und Förderverein Interstitielle Cystitis - wurde am 19.08.1993 gegründet. In Europa ist er der erste vergleichbare Verein und weltweit der zweite nach den USA.

Seit über 20 Jahren kämpft der Förderverein für Interstitielle Cystitis(ICA) für mehr Aufklärung und Information von Ärzten und Öffentlichkeit, initiierte zahlreiche Forschungsprojekte und konnte dazu beitragen, dass sich Diagnose- und Therapiemöglichkeiten deutlich verbesserten.

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