ICA-Jahrestreffen in Köln

Am 2. April 2016 fand in Köln das Jahrestreffen des Fördervereins Interstitielle Zystitis (ICA Deutschland e.V.) in den Räumlichkeiten der Klinik links vom Rhein statt. Schwerpunkte der Vorträge waren einerseits schulmedizinische und alternative Therapieansätze der Interstitiellen Zystitis (IC), andererseits jedoch auch die Frage, was der Patient selbst zur Therapie beisteuern kann.

Referenten waren Vereinsgründerin Bärbel Mündner-Hensen aus Euskirchen,  Dr. Rudolf Stratmeyer, Facharzt für Urologie in der Klinik links vom Rhein (Köln), Dr. Alois Wördehoff, (Euskirchen) bis vor kurzem niedergelassener Arzt mit dem Schwerpunkt Allgemeinmedizin, Urologie, Schmerztherapie und ganzheitliche Medizin sowie Dr. Sigrid Tapken (Bonn), Fachärztin für Urologie, Naturheilverfahren, Ernährungsmedizin und Mikrobiologische Therapie.
Dr. Rudolf Stratmeyer und Dr. Alois Wördehoff sind Mitglied des Medizinischen Beirates des ICA-Deutschland.


1. Vortrag: Dr. Rudolf Stratmeyer über IC aus schulmedizinischer Sicht und neuste wissenschaftliche Erkenntnisse

Dr. Stratmeyer hält seinen etwa einstündigen Vortrag aus der Perspektive der Schulmedizin. Auf der Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse und seiner jahrzehntelangen Erfahrung als praktizierender Urologe und Mitglied des ICA Deutschlands e.V. erläutert er Ursachen und Therapiemöglichkeiten der IC. Gleich zu  Anfang weist er darauf hin, dass auch für ihn als Mediziner die IC noch immer eine seltsame Erkrankung sei. Ein besonderer Dank gelte daher dem ICA Deutschland e.V., durch welchen die Krankheit in Deutschland mehr wahrgenommen werde. So bräuchte es mittlerweile nicht mehr ganz so viele Jahre zur Diagnose IC.

Die Diskussion darüber, ob die IC in Bladder Pain Syndrom (deutsch: Blasen Schmerz Syndrom) umbenannt werden soll, sieht er sehr kritisch. Auch wenn die Bezeichnung Interstitielle Zystitis die Krankheit nicht genau treffe, sei diese mittlerweile einigermaßen bekannt. 

Ursachen und Krankheitsentstehung

Trotz jahrelanger Forschung sei noch immer unbekannt, welche Ursachen für die Krankheitsentstehung verantwortlich sind. Klar sei nur: Eine wesentliche Rolle spielt die Mastzelle, welche Histamin im Körper aussendet und damit allergische Reaktionen verursacht. Als Folge entstehen in den Zellen der Blasenwand Defekte, Reizstoffe können in tiefere Schichten eindringen und dort Entzündungen verursachen. Das ist, was heute im urologischen Lehrbuch steht. Dr. Stratmeyer erinnert jedoch auch daran, dass Patienten immer Menschen mit vielen miteinander kommunizierenden Organen sind. Daher plädiert er für einen ganzheitlichen diagnostischen Ansatz.

Studie zur Versorgungsforschung

Im Jahr 2010/2011 gab es eine Studie zur Versorgungssituation von IC-Patienten, bei welcher unter Anderem Ursachen, Symptome, Krankheitsentstehung und Behandlungserfolge bei IC-Patienten erfragt wurden. (Einsehbar auf der Webseite des ICA Vereins Deutschland)

Auch wenn nur wenige Patienten angaben, dass sie die Ursache ihrer IC in sexuellen Traumata sehen, müsse grundsätzlich auch immer über psychologische  Betreuung der Patienten nachgedacht werden, so Dr. Stratmeyer. Dabei  gehe es aber nicht darum, Patienten in die „psychische Ecke“ zu stecken, sondern Dinge aufzuarbeiten, die eventuell mit der IC im Zusammenhang stehen.

Diagnostik der IC

Um die Diagnostik der IC und anderer Blasenerkrankungen zu erleichtern, sollten Patienten ihren Leidensweg visualisieren, indem sie ein Schmerztagebuch führen. (Download auf Webseite des ICA Vereins Deutschland). Dieses könne für Ärzte wichtige Hinweise liefern.

Dr. Stratmeyer spricht sich in seinem Vortrag zudem für den Kaliumtest aus, bei welchem Kalium in die Blase eingebracht wird. Auch wenn dieser nach den amerikanischen Richtlinien keine Verwendung mehr findet, sei er doch hilfreich um festzustellen, ob die Blase ein „Leck“ habe. In Europa ist zur Diagnose der IC außerdem die Dehnung in Narkose notwendig, um zu prüfen ob die Blasenschleimhaut blutet und wie groß das Blasenvolumen ist. In Amerika ist das eher unüblich, dort wird die Diagnose IC anhand der Symptome gestellt.

Das Problem sei jedoch nach wie vor, so Dr. Stratmeyer, dass es keine Standardverfahren gebe: Meist wisse man nicht, wodurch die IC wirklich verursacht werde.

Therapie der Schulmedizin und Alternativen

Die Ziele der Schulmedizin seien in erster Linie: Schmerzen verringern, Blasenkapazität steigern und auslösende Faktoren durch Medikamente bekämpfen. Man dürfe jedoch nicht vergessen, dass die IC keine akute sondern eine chronische Erkrankung sei, welche die Patienten mit guten und schlechten Phasen ein Leben lang begleite. Meist erreiche man durch Therapie nicht ein Verschwinden der Symptome, sondern nur einen erträglichen Zustand für den Patienten.

Gemäß dem amerikanischen Stufenprinzip sollte man in der Therapie oben anfangen, so Dr. Stratmeyer. Das bedeutet, an erster Stelle steht die Frage: Was kann ich als Patient selbst machen? Welche Lebensgewohnheiten kann ich ändern und dadurch meine Situation verbessern? Das kann beispielsweise eine Ernährungsumstellung sein, ein besseres Stressmanagement durch Entspannungsverfahren, eine Therapie oder alternative Methoden wie Akupunktur. Dr. Stratmeyer zeigt sich davon überzeugt, dass Patienten meist selbst einschätzen können, was ihnen gut tut.

In den meisten Fällen müsse zusätzlich ein Schmerzmittel eingesetzt werden, welches jedoch immer ganz individuell und nach Absprache mit einem Schmerztherapeuten eingenommen werden sollte  ?  auch hier gibt es keine Standardtherapie, jeder IC-Patient reagiert anders auf Medikamente. Dr. Stratmeyer erwähnt in diesem Zusammenhang, dass Morphine mittlerweile auch für nicht-Tumor-Schmerzen zugelassen seien. 

Auch bestimmte Antidepressiva wie Amitriptylin oder Mirtazapin zeigen bei einigen Patienten eine schmerz- und drangstillende Wirkung. Wichtig ist nach Dr. Stratmeyer jedoch Folgendes: Aufgrund der teils starken Nebenwirkungen sollte man immer mit einer sehr niedrigen Dosierung von einigen Tropfen einsteigen, und diese nur langsam steigern.

Eine vergleichsweise gute Erfolgsrate von etwa 60 % haben Instillationen in die Blase, beispielsweise mit Hyaluronsäure, Chondroitinsulfat oder Pentosanpolysulfat. Gute Erfolge werden auch mit der EMDA-Therapie erzielt (in der Blase wird ein Spannungsfeld erzeugt und Medikamente so in tiefere Gewebeschichten transportiert).

Vortrag: Dr. Alois Wördehoff über Therapeutische Alternativen und Möglichkeiten der Selbstorganisation bei IC

Dr. Alois Wördehoff hat sich in seiner Funktion als Urologe, Schmerztherapeut und Naturheilmediziner immer mit dem Krankheitsbild der IC beschäftigt. In seinem Vortrag geht er auf die vielfältigen Ursachen der IC ein und skizziert vor allem Möglichkeiten der Ursachenbekämpfung, welche der Patient selbst leisten kann. Ziel seines Vortrages ist demnach, therapeutische Alternativen bei IC in den Fokus zu rücken und zu zeigen, wie man sich als Patient mit der Krankheit organisiert.

Ähnlich wie Dr. Stratmeyer sieht Dr. Wördehoff vor allem zwei Probleme: Da die Ursachen der Krankheit erstens noch immer weitestgehend unklar seien, fehlten nach wie vor heilende Therapieansätze. Zweitens seien Ärzte zu blasenorientiert und sehen bei der Diagnose und Therapie nicht den ganzen Menschen.

Die palliative Methode als alleinige Zielsetzung der Therapie, also das Schaffen eines „schützenden Mantels“, ist für Dr. Wördehoff jedoch falsch bzw. nicht ausreichend. Betrachte man die Erfolgsergebnisse der letzten Jahre, seien die Ansprechraten am Anfang der Behandlung zwar recht gut (70-80%), reduzierten sich im Laufe der Zeit jedoch auf nur noch 30-40 %. Dass sei nicht viel mehr als die Wirkung von Placebo-Medikamenten. Als Konsequenz dieses unbefriedigenden Zustandes müsse nach weiteren Behandlungsmöglichkeiten gesucht werden. Dabei seien jedoch immer auch die Patienten zur Mithilfe gefordert.

Ursachen und begünstigende Faktoren der IC

Im Laufe der Zeit haben sich nach Dr. Wördehoff folgende Schwachstellen gezeigt, die auf die Blase einwirken können:

  1. Stress
  2. Störung im Mineralhaushalt
    Die Störung des Mineralhaushaltes ist vor allem abhängig von Ernährung und Sport. Zu beachten sind beispielsweise Magnesiummangel (führt zur Verkrampfung der Muskulatur), Zinkmangel (Schleimhäute können undicht werden), Eisenmangel, Natriummangel oder Kaliummangel.
  3. Gewebeübersäuerung hauptsächlich durch falsche Ernährung
    Gewebeübersäuerung folgt hauptsächlich aus einer falschen Ernährung, d.h. aus Nahrungsmitteln wie beispielsweise Fleisch oder Brot, welche der Körper sauer verstoffwechselt. Dies ist jedoch trotz allgemeiner Empfehlungen sehr individuell. 
  4. Durchblutungsstörungen und Kälte
    Als elementaren und sehr wichtigen Punkt beschreibt Dr. Wördehoff Durchblutungsstörungen. Vor allem seitdem das durchblutungsfördernde Mittel Pentosanpolysulfat zur Behandlung der IC eingesetzt wird, weiß man, dass eine verbesserte Durchblutung des Unterleibes zur Wiederherstellung des Blasengewebes führen kann. Den Mechanismus beschreibt Dr. Wördehoff wie folgt: Bei Verbesserung der Durchblutung wird mehr Sauerstoff zur Blase transportiert. Die Blasenschleimhaut wird somit besser ernährt und kann regenerieren. Die ursprüngliche Annahme, dass Pentosanpolysulfat einen schützenden Schleimfilm auf die Blase legt, ist somit falsch.
    Ursache für Durchblutungsstörungen ist nach Dr. Wördehoff in erster Linie Kälte. Es liegt daher am Patienten, durch geeignete Kleidung (z.B. dicke Socken und lange Unterhosen) sowie Nahrungsmittel Kälte möglichst vom Körper fern zu halten. Auch Kälte im Schlafzimmer dürfe man nicht unterschätzen: Durch die Angewohnheit vieler Menschen, bei offenem Fenster zu schlafen, wird der Körper nachts immer wieder kalt. Der Körper speichert diese Kälte und steuert durch eine Verkrampfung der Muskeln und Gefäße dagegen. Die Folge ist wiederum eine Mangel an Sauerstoff auch im Unterleib.
    Aber auch Verletzungen, beispielsweise durch einen Unfall oder eine Operation können erfahrungsgemäß auslösende Faktoren für die IC sein.  Aus diesem Grunde sollten Operationen gut abgewogen und so minimal wie möglich gehalten werden.
  5. Störung der Darmflora
  6. Gewebeentzündung 
  7. Fehlsteuerung des Nervensystems
  8. Gewebeverletzungen
    Verletzungen in der Muskulatur verursachen eine Ausschüttung von Botenstoffen – ein Mechanismus beginnt, an dessen Ende eine Mangelversorgung des Gewebes steht. Dazu reichen bereits minimale Muskelverletzungen, wie sie beispielsweise an der Wirbelsäule durch häufiges Sitzen im Büro entstehen können.
  9. freie Radikale (bei Fehlernährung oder Entzündung)
    Durch Fehlernährung oder Entzündungen (auch unbemerkte „schlafende Entzündungen“) werden im Körper freie Radikale ausgesendet, welche als Botenstoffe die Nerven reizen. Dies führt zu dem bereits beschriebenen, immer gleichen Mechanismus: Die Muskulatur verkrampft, Gefäße verengen sich, Organe werden nicht ausreichend mit Sauerstoff und anderen wichtigen Stoffen versorgt. Derselbe Ablauf kann auch zu verwandten Erkrankungen wie Morbus Chron oder Migräne führen – je nachdem welches Organ eines Menschen „geschwächt“ ist.

Weitere häufige Ursachen der IC

Als häufige Ursachen der IC nennt Dr. Wördehoff außerdem Wirbelsäulenerkrankungen (hängen häufig mit Blasenproblemen zusammen oder werden durch eine Fehlschaltung im Gehirn fälschlicherweise als Blasenprobleme wahrgenommen), Becken- und Muskelerkrankungen, psychische Belastungen, gynäkologische Erkrankungen, Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Schadstoffbelastung sowie wiederkehrende Harnwegsinfekte (z.B. durch ständige Antibiotikagabe). Aufgrund der vielfältigen Zusammenhänge und Wechselwirkungen mit anderen Beschwerden ist es nach Dr. Wördehoff besonders wichtig, den gesamten Menschen mit all seinen Problemen ganzheitlich zu betrachten und auch zeitliche Zusammenhänge zu Problemen in anderen Bereichen auszumachen.

Vielschichtige Behandlung

Die IC müsse daher immer vielschichtig, bzw. multimodal behandelt werden. Zuallererst aber müsse der Patient selbst herausfinden, welche auslösenden Faktoren er meiden kann. Der Patient sollte also zunächst nach Ursachen der Krankheit suchen. Hilfreich dabei sei, Erkenntnisse, wie beispielsweise schmerzauslösende Lebensmittel, schriftlich in einem Tagebuch festzuhalten. Circa 50 % Behandlungserfolg könne allein dadurch erreicht werden. Ordnungstherapie bedeutet dementsprechend, Tagesstrukturen zu überdenken und neu zu ordnen.

Bei besonders schweren IC-Fällen stehe dagegen im Vordergrund, mit Hilfe eines Schmerztherapeuten den Patienten so weit zu stabilisieren, dass dieser wieder Alltagsaktivitäten wahrnehmen könne. Dabei könne es notwendig sein, direkt mit stärkeren Schmerzmitteln wie Opiaten in die Behandlung einzusteigen.

Diät und Histamin

Es gibt potentiell schmerz- und entzündungsauslösende Nahrungsmittel. Meistens steht die Unverträglichkeit im Zusammenhang mit dem Botenstoff Histamin (besonders als „Fäulungsmittel“ in reifen Nahrungsmitteln vorhanden). Daher sollten Lebensmittel, so Dr. Wördehoff,  immer frisch oder tiefgefroren sein. Meiden sollte man Dosennahrung. 

Das Enzym DAO (Diaminoxidase) baut Histamin im Körper ab. Bei einer kranker Magenschleimhaut beispielsweise kann DAO nicht ausreichend gebildet werden. Ein weiteres Problem ist Alkohol: Dieser lähmt das Enzym (ähnlich wie manche Medikamente, bspw. Amitriptylin). Daher ist es auch wichtig, bei diesem Medikament mit niedriger Dosierung einzusteigen. 

Schmerz und Psyche

Dr. Wördehoff weist darauf hin:  Schmerz ist immer ein dynamischer Prozess, bei dem verschiedenste Faktoren zusammenspielen. Diese sind beispielsweise biologischer, psychischer und sozialer Natur. Da alle schmerzauslösenden Faktoren beseitigt werden sollten, muss immer auch eine Psychotherapie (z.B. Verhaltenstherapie, psychodynamische Therapie oder Gesprächstherapie) in Betracht gezogen werden. Häufig haben traumatische Erlebnisse oder falsche Vorstellungen Einfluss auf die IC. Negative Gefühlszustände, die sich auf die IC auswirken können, sind nach Dr. Wördehoff auch Überforderung, Zorn, Kummer, Frustration, Streit, unrealistische Erwartungen, Wut und Verletzung. 

Anders als Dr. Stratmeyer ist er Meinung, dass in einigen Fällen IC heilbar ist. Er beendet seinen Vortrag mit einem Zitat von Dr. Bach: „Die Krankheit verlässt den Schüler, wenn die Lektion gelernt ist.“ 

2. Vortrag: Dr. Sigrid Tapken über Organ-Cross-Talk und Mikrobiologische Therapie

Die letzte Referentin des Tages ist die ausgebildete Urologin Dr. Sigrid Tapken aus Bonn, die im Laufe der Zeit ihr medizinisches Fachwissen durch Weiterbildungen in den Bereichen Naturheilverfahren, Ernährungsmedizin und spezielle mikrobiologische Therapie erweitert hat. Außerdem ist sie Mitglied im Verein Beckenbodengesundheit.

Auch Dr. Tapken betont gleich zu Anfang ihres Vortrages, dass nur Ärzte und Patienten gemeinsam ein Ziel erreichen könnten. Die Hauptarbeit müssten dabei aber die Patienten leisten. Sie skizziert typische Patientengeschichten, die Sie in ihrer Praxis erlebt hat. Damit zeigt sie, dass die Verläufe der Krankheit einerseits häufig ähnlich sind, andererseits aber auch immer individuell. Parallelen seien oft, dass der Leidensweg der Patienten mit wiederkehrenden Harnwegsinfekten und wiederholter Einnahme von Antibiotika beginnt und mit dauerhaften Schmerzen weitergeht. Auch Dr. Tapken unterstützt die These, dass die Krankheit häufig etwas mit ausgeprägter Mastzellenaktivität zu tun habe.

Als Hypothesen zur Ursache und Entwicklung des Blasenschmerzsyndroms nennt Sie:

  • Defekt der GAG-schicht
  • Mastzellaktivierung
  • Autoimmunologisch
    Rheumapatienten haben häufig IC typische Symptome, die genaue Zusammenhänge kennt man jedoch noch nicht
  • Neurologisch (erhöhte Nervenfaserdichte)
  • Vaskulär (verminderte Durchblutung)
  • Infektiös (Toxine von Bakterien, Viren, Pilze)
    Eine starke bakterielle Blasenentzündung kann beispielsweise eine IC auslösen

Dr. Tapkens Anliegen ist es  – ähnlich der zwei Referenten vor Ihr – die wechselseitigen Zusammenhänge im Körper zu verdeutlichen. So seien meist zahlreiche Komponenten wie beispielsweise Infektionen, Stress, Hormone, Genpool (mikrobiologisch) bei der Entstehung von Krankheiten beteiligt. Sie nennt dies Organ-Cross-Talk. Wünschenswert wäre es, so Dr. Tapken, dass alle Ärzte über den Tellerrand ihres Fachgebietes schauen würden.

Alternativen und Erfahrungsmedizin

Dr. Tapken spricht sich in ihrem Vortrag positiv über Erfahrungsmedizin und alternative Methoden aus, auch wenn es zweifelhafte komplementärmedizinische Ansätze gäbe. Die Erfahrungsmedizin zählt zur evidenzbasierten Medizin und bedeute, dass der Patientenwunsch und die Erfahrung des Arztes elementar zur Therapie gehört. Ganz wichtig sei jedoch, dass Naturheilverfahren nicht ohne die Kenntnis der Schulmedizin praktiziert werde, da letztere die Basis darstelle.

Neben der Ordnungstherapie, welche bereits von Dr. Wördehoff erläutert wurde, betont Dr. Tapken auch die Relevanz der Pflanzenheilkunde (Phytotherapie). So wirke Goldrute beispielsweise entspannend, entzündungshemmend und diuretisch, Meerrettich antibakteriell.

Weitere mögliche Behandlungsoptionen im Zusammenhang mit Blasenerkrankungen seien außerdem Akupunktur und Ernährungsmedizin.

Mikrobiologische Therapie

Dr. Tapkens Hauptthema ist die Mikrobiologische Therapie. Diese könne bei einer Vielzahl von Krankheiten helfen, unter anderem auch bei der IC oder bei chronischen Harnwegsinfekten. Der Arbeitskreis Mikrobiologische Therapie (AMT e.V.) bildet Ärzte in diesem Gebiet weiter.

Seit vielen Jahrzehnten sei bekannt, dass jede Krankheit nur mit Beistand des Immunsystems therapiert werden könne – und dieses wird hauptsächlich im Darm gesteuert. Ein wichtiges Anliegen der Referentin ist es daher zu zeigen, wie wichtig ein intaktes Darmsystem auch für die Heilung chronischer Krankheiten wie IC ist.

Was passiert, wenn das Darmsystem gestört ist? Bei einem Defekt der Darmschleimhaut können Reizstoffe, die eigentlich ausgeschieden werden sollten, in umliegendes Gewebe eindringen. Dort führen sie zu entzündungsähnlichen Zuständen und es folgt eine Reaktionen des Immunsystems, der Nerven und auch der Psyche – wir werden krank. Da alle Schleimhäute im Menschen zusammenhängen und über Botenstoffe kommunizieren, wirken sich diese Entzündungen im gesamten Körper aus. Die Folgen können Autoimmunkrankheiten sein.

Die eigentlich schützende Schicht im Darm und auch in der Blase wird von Bakterien produziert und ist für einen optimalen Verdauungsablauf im Körper zuständig. Ideal sei es daher, das mikrobiotische System schon in frühen Jahren zu trainieren und so für ein Gleichgewicht zu sorgen. Dies geschieht auch beispielsweise durch Stillen und eine natürliche Geburt.

Wird ein aus dem Takt gekommenes Darm- bzw. Schleimhautsystem wieder reguliert, könne auch die defekte Blasenwand davon profitieren.

Antibiotika: Fluch und Segen zugleich

Als großes Problem sieht Dr. Tapken den sorglosen Umgang mit Antibiotika, welche das mikrobiotische System aus dem Gleichgewicht bringen und weltweit zu einer gefährlichen Resistenzlage geführt haben. Auch wenn Antibiotika in manchen Fällen unumgänglich und sehr hilfreich seien  ?  aus zuvor genanntem Grund plädiert sie für einen sparsamen und bewussten Einsatz. Immer sollte gleichzeitig auch über alternative, nebenwirkungsarme Therapien nachgedacht werden.

Mikrobiologische Therapiemöglichkeiten

Als Therapiemöglichkeiten gibt es mittlerweile Medikamenten, die aus dem patienteneigenen Stuhl produziert werde, so genannte Autovaccime. Der Vorteil: So lässt sich das individuelle mikrobiologische System eines Patienten wieder herstellen.
Weitere Möglichkeiten seien nichtantibakterielle Therapien, Präbiotika, hormonelle lokale Ersatztherapie sowie Präbiotika.

 

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Der Verein "ICA-Deutschland e. V." - gemeinnützige Gesellschaft und Förderverein Interstitielle Cystitis - wurde am 19.08.1993 gegründet. In Europa ist er der erste vergleichbare Verein und weltweit der zweite nach den USA.

Seit über 20 Jahren kämpft der Förderverein für Interstitielle Cystitis(ICA) für mehr Aufklärung und Information von Ärzten und Öffentlichkeit, initiierte zahlreiche Forschungsprojekte und konnte dazu beitragen, dass sich Diagnose- und Therapiemöglichkeiten deutlich verbesserten.

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