Interview mit Prof. Dr. Schultz-Lampel

IC-Zentrum am Schwarzwald-Baar Klinikum in Villingen-Schwenningen

Am Schwarzwald-Baar Klinikum in Villingen-Schwenningen wurde im September 2017 das europa- und deutschlandweit erste Zentrum für Interstitielle Zystitis und Beckenschmerz durch die ICA-e.V. Deutschland zertifiziert.

Passfoto DSL 202x200Frau Prof. Schultz-Lampel, Sie gehören zu den ersten Urologen, die sich um das Krankheitsbild der Interstitiellen Zystitis und eine bessere Versorgung der Betroffenen verdient gemacht haben: Inwieweit spiegelt sich diese Erfahrung in den Schwerpunkten Ihres Zentrums wider?

In der Tat arbeite ich seit 2006 eng mit dem Förderverein für Interstitielle Zystitis zusammen, sodass unser Kontinenzzentrum Südwest und die Urologie am Schwarzwald-Baar Klinikum bereits vor der Zertifizierung zum Zentrum für IC und Beckenschmerz als überregionale Anlaufstelle bekannt war. Aus diesem historisch gewachsenen Kontext haben wir mittlerweile ein sehr großes und vielfältiges Patientenaufkommen, von klassischen IC-Patienten über Beckenschmerz-Patienten unklarer Ursache bis zu Männern mit chronischer Prostatitis, dem wir ein breites Leistungsspektrum anbieten. Bei der Diagnostik gehört etwa die Zystoskopie mit Hydrodistension der Blase in Narkose mit Histologiegewinnung dazu. Schwerpunkt-Therapien sind Instillationstherapien, die EMDA-Behandlung bei ausgeprägten Schmerzen, Drang und Nykturie, natürlich auch die orale Medikation mit Elmiron. Seltener kommen bei diesem Patientengut die sakrale Neuromodulation oder Botox-Injektionen zum Einsatz. Die operative Entfernung der Harnblase spielt bei uns eine große Rolle.

Warum zählt die Zystektomie/Harnableitung zu Ihren Schwerpunkten?

Die Entfernung der Blase und die Anlage einer Harnableitung ist immer die letzte Option für Patienten mit extrem geschrumpfter Blase und sehr geringer Lebensqualität. Dass wir diese operative Therapie häufig durchführen, liegt ebenfalls an unserem Patientengut, zu dem aufgrund unserer Historie sehr viele schwere IC-Fälle aus ganz Deutschland gehören, die konservativ ausbehandelt sind und die keine Lebensqualität mehr haben. Mein Mann Prof. Lampel, der Direktor der Klinik für Urologie & Kinderurologie unseres Klinikums ist und mit dem ich sehr eng im IC-Zentrum zusammenarbeite, hat eine ausgesprochen große Expertise auf dem Sektor der Harnableitung und kann Frauen eine kontinente Harnableitung im Sinne eines Nabelpouch anbieten, ein sehr komplexes Operationsverfahren, das aber gerade jüngeren Frauen eine gute Lebensqualität bei exzellentem „Bodyimage“ bietet.

Mit welchen Abteilungen oder Disziplinen haben Sie die engste oder häufigste Zusammenarbeit?

Neben der engen Zusammenarbeit von Kontinenzzentrum und Urologischer Klinik besteht eine enge Kooperation mit Schmerztherapeuten, Physio- und Psychotherapeuten, Pathologen, Gynäkologen und auch Viszeralchirurgen, die je nach individuellem Fall in die Behandlung einbezogen werden. Und natürlich stehen wir in regelmäßigem Austausch mit diesen Disziplinen. Bei Patienten, die nicht zu operativen Eingriffen kommen, leiten wir als Zentrum in der Regel eine Initialtherapie ein, zum Beispiel bei Physio- oder Schmerztherapie, die bei den Betroffenen vor Ort fortgeführt wird.

Welche Schlüsse können Sie aus der interdisziplinären Zusammenarbeit ziehen?

Die multidisziplinäre Behandlung in Zentren leistet die notwendigerweise umfassende Versorgung. Sehr wichtig ist auch die gute Kooperation mit einem Pathologen, der sich auf dem Gebiet der IC auskennt. Die Gewebeuntersuchung durch den Pathologen ist eminent wichtig, weniger zur Diagnosestellung der IC als vielmehr zum Ausschluss einer bösartigen Erkrankung der Blase, denn wir müssen immer im Hinterkopf haben, dass Patienten mit einem Blasenschmerzsyndrom ein 6-fach erhöhtes Risiko für Harnblasenkrebs haben und auch IC-Patienten trotz Besserung der Beschwerden eine lebenslange Nachsorge benötigen.

Was hat sich seit der Zertifizierung der IC-Zentren geändert?

Aus meiner Sicht ist deutlich mehr Öffentlichkeit für die Interstitielle Zystitis entstanden und das Patientenaufkommen enorm gestiegen. Während nach Statistiken ein niedergelassener Urologe in Deutschland 7 IC-Patienten im Jahr betreut, kommen zu uns an manchen Tagen 5-10 Patienten mit dieser Erkrankung oder dieser Fragestellung.

Betroffene kommen über die Webseite der ICA oder über die Homepage unseres Zentrums und unserer Stiftung Beckenschmerz, die wir 2017 parallel zu unserer Zertifizierung ins Leben gerufen haben. Gleichzeitig sehen wir vermehrt Patienten, die von ärztlichen Kolleginnen und Kollegen auf uns aufmerksam gemacht werden, denn seit der Zentrenbildung und der Publikation der Deutschen Leitlinie „Interstitielle Zystitis“ Ende 2018, ist die IC auch auf medizinischen Kongressen präsenter.

Wo verorten Sie den größten Forschungsbedarf?

Besonderer Forschungsbedarf besteht nach meiner Einschätzung bei der Entwicklung von Markern für eine einfachere und sicherere Diagnostik der IC, damit Betroffene flächendeckend schneller diagnostiziert und effektiv behandelt werden können. Hier sind sicher große Uni-Kliniken wie die sehr engagierten Kollegen in Leipzig gefragt. Wir als Klinik in der Peripherie können aber in der Versorgungsforschung unseren Beitrag leisten, wenn es darum geht, die Effektivität therapeutischer Maßnahmen nachzuweisen und damit z.B. eine Grundlage darstellt um eine Kostenerstattung zu ermöglichen, was leider bei den meisten Therapieoptionen der IC ein Problem darstellt. Gerade betreue ich eine Doktorarbeit, die diesen Nachweis für die EMDA-Therapie führen will.

Wo sehen Sie generell den größten Handlungsbedarf bzw. die wichtigsten Ansatzpunkte bei der Versorgung von IC-Patienten?

Die fehlende Kostenübernahme vieler IC-Therapien stellt weiterhin ein sehr großes Problem für die Betroffenen dar. Daneben müssen wir dringend mehr Reha-Angebote schaffen. Es gibt in der Urologie zwar viele sehr gute onkologische Reha-Kliniken, für IC-Patienten bietet aber einzig die Reha-Klinik in Bad Nauheim die notwendigen multimodalen Therapien an. In beiden Bereichen ist der Handlungsbedarf groß.

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