Interview mit Oberärztin Dr. Anne-Kathrin Sünder

IC-Zentrum in den Zeisigwaldkliniken Bethanien in Chemnitz

Das erste zertifizierte IC-Zentrum Ostdeutschlands liegt in Chemnitz. Im Juni 2018 hat das dortige, in der Klinik für Urologie der Zeisigwaldkliniken Bethanien angesiedelte Zentrum für Interstitielle Zystitis (engl. Interstitial Cystitis, IC) und Beckenschmerz die Zertifizierungsurkunde nach den Anforderungen der ICA-Deutschland e.V. erhalten. Die Einrichtung, die von Oberärztin Dr. Anne-Kathrin Sünder geleitet wird, setzt bei Diagnose und Behandlung der IC, auch chronisches Blasenschmerzsyndrom (engl. bladder pain syndrome, BPS) genannt, auf Interdisziplinarität.

dr suender 192x288 Frau Dr. Sünder, als Fachärztin für Urologie sind Sie mit dem Krankheitsbild der IC und dem hohen Leidensdruck betroffener Patientinnen und Patienten nicht erst seit der Zertifizierung des IC-Zentrums Chemnitz befasst. Wo liegen die Schwerpunkte Ihres Zentrums bei der Diagnostik und Therapie von IC-Patienten?

In der Klinik für Urologie der Zeisigwaldkliniken Bethanien Chemnitz betreuen wir seit 2008 Betroffene mit IC und Pelvic pain Syndrom. Einzelne Schwerpunkte der Arbeit möchte ich nicht hervorheben, denn das Leistungsspektrum unseres Zentrums umfasst nahezu alle diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen, die seit 2018 in der S2K-Leitlinie „Therapie und Diagnostik der Interstitiellen Cystitis (IC/BPS)“ verankert sind. Auf unserer Homepage (http://www.bethanien-chemnitz.de/home/fachabteilungen/behandlungszentren.html) gibt es dazu ausführliche Informationen.

Kann die besondere Erfahrung Ihres Zentrums in die Ausbildung der Pflegeberufe eingebracht werden?

Ja. Die Referententätigkeit und die Praxisanleitung unserer spezialisierten Pflegefachkräfte (PFK) verstehen und befürworten wir als einen wichtigen Beitrag von wissenschaftlicher Zentrums- und Fortbildungsarbeit. Wir bringen die Erfahrung der PFK schon seit Beginn der Arbeit im IC-Zentrum und im Beckenbodenzentrum in die Pflegeausbildung ein.

Die Anfragen an unsere PFK zu Hospitationen, Fachvorträgen oder der Gestaltung ganzer Fortbildungstage zum pflegerischen Management unseres Zentrums verdeutlicht das Interesse und den Bedarf an Informationen zu spezialisierter Pflege und multiprofessioneller Arbeit. Ich schätze die Mitarbeit unserer PFK in der Fort- und Weiterbildungsarbeit sehr. Die Praxiserfahrungen werden bei uns an der Basis weitervermittelt, auch in speziellen Unterrichtseinheiten unserer Klinik-Pflegeschule. Daneben werden sie auch in externen Veranstaltungen angeboten. Zu erwähnen ist, dass im nationalen Weiterbildungsbereich für spezialisierte Pflege bis heute keine einheitlich standardisierten Angebote zu finden sind.

Die Verleihung des Wolfgang Knipper-Preises 2016 der Deutschen Gesellschaft für Urologie an unsere Pflegeexpertin und PFK Peggy Jaszter zeigte uns, dass wir auf einem guten Weg sind. Dieser Preis für Vertreter der Pflegeberufe würdigt auch die Fortbildungsarbeit für Pflegende.

Welche Gelegenheiten bieten sich für den Wissensaustausch an?

Wir schätzen den direkten Erfahrungsaustausch. Unsere PFK bieten Hospitationen und Praktika an, halten aber auch seit vielen Jahren erfolgreich Vorträge zum Thema. Daneben ist unsere Urotherapeutin und PFK Mandy Stephan Mitglied im Netzwerk für Urotherapeuten, Mitglied im BeBo Team Deutschland sowie Mitglied in der Konsensusgruppe Kontinenzschulung (KgKS) und nimmt an den Netzwerktreffen teil, die eine weitere wichtige Möglichkeit des Wissensaustausches darstellen. Außerdem könnten wir uns einen Fachstammtisch der IC-Zentren mit interessierten multiprofessionellen Teilnehmern aus möglichst vielen Fachdisziplinen der jeweiligen Zentren vorstellen, der eine gute Basis des Erfahrungsaustausches bilden könnte. In welchem Rahmen und welcher regionalen Ausdehnung solche Treffen stattfinden könnten, bliebe noch zu klären und zu organisieren.

Macht es Sinn, einen Leitfaden „Was ist bei der Behandlung der IC-Patienten besonders zu beachten“ zu entwickeln?

Einen Leitfaden haben wir im Team diskutiert und als eher ungeeignetes Mittel betrachtet. Wir sind der Meinung, dass ein genereller Leitfaden die Facharzt- und Hausarztpraxen und somit betroffene Patienten vermutlich nur unzulänglich erreichen wird. Nach unserer Erfahrung sollten multiplikatorische Maßnahmen zum größeren Verständnis der Behandlung von IC und Pelvic pain Syndrom in der Verantwortung der einzelnen IC-Zentren mit ihren individuellen und regionalen Gegebenheiten liegen. In unserem Versorgungsbereich bieten wir für Fach- und Hausärzte sowie für Patienten jeweils Foren zum Thema an. Außerdem sind aussagekräftige Internetseiten der IC-Zentren bedeutsam.

Wie kann der Pflegedienst den Arzt entlasten?

Als ein Schwerpunkt des ärztlichen Dienstes unseres Zentrums liegt der Fokus unter anderem auf der Fort- und Weiterbildung der Pflegefachkräfte (PFK) beispielsweise zu Pflegeexperten und Urotherapeuten. Dies führt einerseits zu einer erweiterten Kompetenz im Sinne von delegierbaren ärztlichen Tätigkeiten und andererseits zu einer sehr gut koordinierten Zusammenarbeit im Team. Patienten vermittelt die Betreuung durch spezialisierte PFK während der Behandlung außerdem ein Gefühl zusätzlicher Sicherheit.

Wo sehen sie den größten Handlungsbedarf bzw. die wichtigsten Ansatzpunkte bei der Versorgung von IC-Patienten?

Wir sehen weiterhin großen Handlungsbedarf darin, dass der Betroffene mit IC-Beschwerden in der ersten Anlaufstelle seiner ärztlichen Regelversorgung – also beim Hausarzt, beim Facharzt für Urologie oder beim Facharzt für Gynäkologie – zuverlässig erkannt und seine Erkrankung entsprechend diagnostiziert wird. Dies ist Voraussetzung dafür, dass er dann zielgerichtet therapeutisch versorgt werden kann.

Für uns bedeutet dies, den durch die ICA-Deutschland und die beteiligten Fachgesellschaften eingeschlagenen Weg der wissenschaftlichen Arbeit weiter intensiv zu unterstützen.

 

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