Interview mit Prof. Dr. Andreas Wiedemann

IC-Zentrum am Ev. Krankenhaus Witten

Die Klinik für Urologie am Ev. Krankenhaus Witten ist im Februar 2019 in einer standortübergreifenden Kooperation mit der Gynäkologie und der Neurologie des Schwesterkrankenhauses in Herne als bis dahin neuntes Zentrum für Interstitielle Zystitis (IC) und Beckenschmerz im deutschsprachigen Raum zertifiziert worden. Chefarzt der Urologischen Klinik und Koordinator des IC-Zentrums Witten ist Prof. Dr. Andreas Wiedemann, der zum Lehrstuhl für Geriatrie der Universität Witten/Herdecke gehört.

dr wiedemann 196x240 Herr Prof. Dr. Wiedemann, wo liegen die Schwerpunkte Ihres Zentrums bei der Diagnostik und Therapie von IC-Patienten?

Die hiesige Urologie ist eine urologische Hauptabteilung, die als zertifiziertes Prostatazentrum und Kontinenz- und Beckenbodenzentrum rund 3000 Patienten im Jahr stationär behandelt - und das überwiegend operativ. Ambulant bin ich als ermächtigter Krankenhausarzt darüber hinaus befugt, Urodynamiken auf Überweisung durchzuführen. Hier bieten wir eine Inkontinenzsprechstunde an, in deren Rahmen in einem strukturierten Programm die Anamnese, Inkontinenz-Scores, Obstipationsscores, Ultraschall, Urinuntersuchung, Urodynamik, vaginale Einstellung und letztlich auch die Urodynamik angeboten wird. Um also auf Ihre Frage zurückzukommen: Unsere Schwerpunkte liegen sicherlich einerseits in der Diagnostik der IC. Eine zentrale Untersuchung ist dabei die Distensionszystoskopie, eine spezielle Form der Blasenspiegelung mit Blasendehnung. Bei diesem Eingriff werden auch Proben aus der Harnblase entnommen, die dann vom Pathologen untersucht werden.

Andererseits bilden je nach Befund vielfältige therapeutische Maßnahmen gleichermaßen einen Schwerpunkt. Häufig setzen wir mehrere Therapieformen parallel ein: Wir kombinieren beispielsweise Schmerzmittel, bestimmte Antidepressiva und Pentosanpolysulfat, das die Isolationsschicht der Blasenschleimhaut wiederherstellt und diese vor schädlichen Bestandteilen des Urins schützt. Wenn diese Maßnahmen nicht ausreichen, kommen weitere Verfahren zur Anwendung. Dazu gehören die Behandlung mit Botulinumtoxin, die Gabe von Medikamenten in die Blase unter Reizstrombedingungen und auch die sakrale Neuromodulation. Alle diagnostischen und therapeutischen Optionen, die zum Erkennen und Behandeln der interstitiellen Zystitis notwendig sind, stehen bei uns zur Verfügung.

Sehen Sie viele IC-Patienten im geriatrischen Bereich?

Eher nein. Die IC tritt bekanntlich überwiegend im 4. und 5. Lebensjahrzehnt auf. Geriatrische Patienten sind entweder über 70 und multimorbid, oder sie sind über 80, da dann die alterstypische Vulnerabilität mit der Bedrohung durch Autonomieverlust besteht.

Was ist in der Geriatrie bei der Behandlung der IC zu beachten?

Ein Hauptthema in der Geriatrie ist die Sturzneigung. Die meisten „anticholinergen“ Medikamente - und z. B. Morphine oder Amitryptilin gehören dazu - können die Kognition beeinträchtigen und eine solche befördern. In einer eigenen, preisgekrönten Arbeit konnten wir nachweisen, dass über 65-jährige ambulant-urologische Patienten unter Bewertung ihrer Medikamente schon zu 11,75 Prozent in eine Risikogruppe gehören, bei der das Hinzufügen eines weiteren anticholinergen Medikamentes die Sturzhäufigkeit und sogar die Mortalität erhöht.

Auf welche Behandlung sprechen IC-Patienten in der Geriatrie am besten an?

Für hochbetagte Patienten ist sicherlich aus den genannten Gründen orales Pentosanpolysulfat besonders geeignet, weil nebenwirkungsarm. Es kommen aber auch lokale Maßnahmen wie Instillationen oder EMDA oder die therapeutische Distension in Frage.

Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf beziehungsweise die wichtigsten Ansatzpunkte bei der Versorgung von IC-Patienten?

Dies ist für mich eindeutig die Aufklärung bei den Ärzten. Im Schnitt dauert es neun Jahre bis zur Diagnose und Betroffene waren bei zirka 20 Ärzten. Ich bin jedes Mal fassungslos, wenn es mir gelungen ist, die Diagnose zu stellen und ich mir die lange und verworrene Anamnese der Patienten ansehe. Auch müsste weiter der Stellenwert und die Qualität der histologischen Untersuchung in diesem Kontext klarer definiert oder vereinheitlicht werden. Häufig wird die Diagnose nicht gestellt beziehungsweise sogar wieder verworfen, weil eine einfache Zystoskopie mit Zangenbiopsie und einfacher Routinehistologie im sogenannten HE-Präparat und nicht per Distensionszystoskopie mit Immunhistochemie der Proben angestellt wurden.

 

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